Newsletter Nr. 35 – Wie funktioniert eine Ampel, Herr Volksschullehrer?

Liebe Leserin, lieber Leser,

vorab ein paar Worte in eigener Sache und zu diesem Newsletter:

Die Redaktion von Addendum hat am 15. September den Betrieb eingestellt. Als Geschäftsführer des Unternehmens habe ich in unregelmäßigen Abständen den Newsletter „Addendum | aber Alm“ mit Gedanken zum politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen verfasst und versendet. Meiner Einladung, mich nach dem Ende von Addendum über meinen persönlichen Newsletter „Ohne Bekenntnis”, der sich bislang hauptsächlich an der Thematik meines gleichnamigen Buches orientierte, weiterzulesen, sind erfreulicherweise sehr viele Abonnentinnen und Abonnenten gefolgt.

Die inhaltlichen Überschneidungen der beiden Unperiodika waren überschaubar gering, aber das steht einer nunmehrigen Verschmelzung nicht entgegen. Den Titel “Ohne Bekenntnis” werde ich beibehalten, er passt nicht nur auf das Verhältnis von Republik und Religion, sondern steht auch für meine persönliche Distanziertheit zu Aberglauben und praktisch angewandter Tagespolitik.

Und um den heuer eingeübten sozialen Abstand gleich weiter zu pflegen, bleibe ich in der Ansprache per Sie. Oder auch nicht. Schau mer mal, wer sich beschwert.

Es würde mich freuen, wenn Sie mich auch über die ersten paar Ausgaben hinaus weiterhin lesen.

Alles Gute
Niko Alm

Wie funktioniert eine Ampel, Herr Volksschullehrer?

Wer in Südafrika surfen geht, lernt die Haifischampel zu lesen. Genaugenommen ist es keine Ampel, es sind vier verschiedene Flaggen: grün (kein Hai), rot (Hai), schwarz (trüb) und weiß (Hai naht).

Das Hissen des schwarzen Hais auf weißem Grund wird von einer Sirene begleitet, die den Surferinnen und Surfern signalisiert, dass sie jetzt besser schnell das prospektive Haifischbecken verlassen sollten. Die Ampelbeflaggung erfüllt damit zwei Funktionen: eine informative (1) und eine appellative (2). Damit sind gut und gern mindestens zwei Seiten im Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun abgedeckt. Funktion 1 gibt Auskunft über die Beschaffenheit der Umwelt, also ob derzeit keine Haie in Sicht sind, ob sie weit von der Küste entfernt sind, oder sich dieser annähern. Die zweite – im Sinne der körperlichen Gesundheit wichtigere – appellative Funktion richtet sich an das Verhalten der Surferinnen und Surfer: „Bleibt im/am Wasser!“ oder „Landet!”

Das Ampelwesen ist nämlich grundsätzlich binär.

Sie kennen das vielleicht auch vom Zebrastreifen mit der Fußgängerampel in zwei Zuständen: „Rot” bedeutet, dass Sie nicht queren dürfen. Die Farbe gibt aber darüber hinaus keine Auskunft, ob es tatsächlich gefährlich wäre, die Straße zu überschreiten – „grün“ übrigens auch nicht. Die appellative Funktion 2 wird durch die Ampel erfüllt, Funktion 1 ist nur eine Folge von Funktion 2. Deswegen empfiehlt es sich, jedenfalls auch selbst zu kontrollieren, ob Sie nicht vielleicht doch gleich überrollt werden. In der Praxis wird diese klare Dichotomie trennscharfer Ampelphasen durch einen dritten Zustand – mancherorts durch blinkendes Grün, oranges Fegefeuer oder hysterische Restzeitanzeigen – abgestumpft, an ihrer prinzipiellen Funktionalität der Verhaltensempfehlung ändert das aber nicht viel.

Was lernen wir daraus? Wer eine Ampel entwirft, kann damit natürlich Auskunft über einen Zustand (Funktion 1) geben, sollte aber vor allem ein klar definiertes gewünschtes Verhalten im Auge haben (Funktion 2). Wird die zweite, wichtigere Funktion außer Acht gelassen, dann wird die Ampel zu einem untauglichen Signalwerkzeug, zu einer funktionslosen Legende reduziert und sollte besser durch eine andere Symbolik ersetzt werden.

Corona-Ampel

Das Corona-Ampelsystem der Regierung ist in der jetzigen Form praxisuntauglich. Seine Funktion 1 als Auskunftssystem zur Beschreibung der Umwelt ist offensichtlich nicht wie versprochen nachvollziehbar und transparent (“Die Corona-Kommission ist ein beratendes Gremium, das Empfehlungen abgibt, welche Ampelfarbe für eine bestimmte Region gelten soll.”) definiert worden, sondern unterliegt willkürlichen politischen Entscheidungen. Ganz sicher wurde es aber nicht verständlich kommuniziert. Das ist zwar jämmerlich, wäre aber noch kein Problem, wenn wenigstens Funktion 2 als Verhaltensempfehlung klar und verständlich gemacht worden wäre.

Wenn schon nicht nachvollziehbar ist, was die Farben wirklich bedeuten, dann sollte doch zumindest eindeutig sein, wie sich Individuen und Organisationen verhalten müssen bzw. was sie dürfen und nicht dürfen. Beispielsweise: “grün” sollte bedeuten, dass Sie frei atmen dürfen, nirgends Maske zu tragen brauchen (aber selbstverständlich immer dürfen) und auch Unternehmen, Schulen und sonstige Organisationen keinen Einschränkungen unterliegen, die erst nach dem Februar 2020 erfunden wurden. Erfinden Sie sich gerne selbst etwas für “rot”.

Idealerweise gibt es auch nur zwei Zustände (grün = “alles ok”, rot = “raus aus dem Haifischbecken”). Weitere Zustände außer vielleicht einer (1) orangen Übergangsphase zur gesteigerten Aufmerksamkeit sind kaum sinnvoll zu vermitteln.

Angstmacherei

Jetzt will ich gar nicht bestreiten, dass sich ein (1) Mensch nicht ein gutes System überlegt hätte; noch viel weniger will ich bestreiten, dass sich sogar mehrere Menschen gleichzeitig verschiedene mehr oder weniger gute Systeme überlegt hätten. Diese Konzepte aber dann zu vermischen, verschiedentlich zu interpretieren und zu kommunizieren, führt dazu, dass aus strahlendem grün und rot, dann eine unansehnliche braune Masse wird.

Die Kommunikation der Regierung war seit dem Ausbruch von COVID-19 Ende letzten Jahres über weite Strecke ein Desaster. In einem Gastkommentar für die Presse habe ich dieses Multikommunikationsversagen zwar hinreichend beschrieben, trotzdem verliere ich die Motivation seit den ersten politischen Handlungen im März nicht, darauf hinzuweisen, dass zum Handling einer Pandemie nicht nur Maßnahmen zur Einschränkung der persönlichen, unternehmerischen und korporativen Freiheit zählen, sondern auch eine gut abgestimmte Kommunikation mit klaren Empfehlungen und zeitlich beschränkten Verboten inklusive einer übergeordneten Strategie und transparentem Szenarienplanung.

Was haben wir bekommen: kaputte in Deutsch-Imitat abgefasste Verordnungen, Predigtdienste zur Selbstdarstellung und Angstmacherei. Versäumt hat die Regierung die Produktion von verständlichen, offiziellen Informationen und Infografiken über die Wirkweise und Gültigkeit der Maßnahmen, sowie eine zeitgemäße und flächendeckende Bespielung von Kanälen, die auch wirklich alle erreichen.

Zu erwarten, dass Bürgerinnen und Bürger Livestreams von Pressekonferenzen oder die tägliche ZIB abrufen, blendet unter anderem aus, dass viele jüngere Alterskohorten TV-Nachrichtensendungen überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Den Livestream dann in Facebook über die Seiten der Ministerien oder Parteien anzubieten, hilft da naturgemäß auch nichts, wenn dann alle nur mehr auf TikTok sind. In den Ministerien fehlt kompetentes Personal für die öffentliche Kommunikation und auch das Engagement externer Dienstleister blieb wirkungslos.

Dass ich der einzige Mensch bin, der von Erklärungen der Ampel nicht erreicht wird, ist naturgemäß möglich, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Der beste Beweis für das Nichtfunktionieren der Regierungskommunikation ist, dass ich (wahrscheinlich vor allem mir selbst) jetzt erklären musste, wie eine Ampel funktioniert, so dass es auch ein Volksschullehrer versteht.

Termine

Am 15. Oktober diskutiere ich im (Livestream des) Zacharias-Instituts die immer noch aktuelle Frage: “Wozu Gott?”


“Warum passieren Schicksalsschläge? Versteht mich jemand in meinem Leid? Welche Lektion erteilt uns Corona? Braucht man Gott, um Hoffnung zu haben?
Im Lichte der aktuellen Corona-Krise stellen sich viele Menschen diese oder ähnliche Fragen. In einem Gespräch werden Niko Alm und Christian Hofreiter diese aus Sicht verschiedener Weltanschauungen beleuchten. Für den praktischen Bezug zum Thema wird Peter Stippl die neuesten Erkenntnisse zur Krise aus der Psychotherapiewissenschaft präsentieren.
Im Anschluss an das Gespräch gibt es die Möglichkeit zu einem Q&R.”

Amenlos
Alm

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